Beziehungen

Dunbar Number Beziehungen — warum Nähe eine Ressource ist

14. Juni 20268 Min. Lesezeit

An einem Abend vor ein paar Monaten habe ich aus Versehen durch meine Kontaktliste gescrollt. Hunderte Namen. Leute aus alten Jobs, aus dem Sportverein, vom Studium, irgendein Typ, mit dem ich vor sechs Jahren mal ein gutes Gespräch hatte. Und während ich da durchscrollte, ist mir ein unangenehmer Gedanke gekommen: Bei den drei, vier Menschen, die mir wirklich wichtig sind, hatte ich mich seit Wochen nicht von selbst gemeldet. Genau an diesem Punkt setzt das Thema Dunbar Number Beziehungen an — nicht als Trivia, sondern als ehrliche Bilanz. Ich hatte Nähe verteilt wie eine Gießkanne über ein viel zu großes Feld. Überall ein bisschen, nirgends genug.

Die Dunbar-Zahl wird meistens als Fun-Fact verkauft: Du kannst nur 150 Freunde haben. Punkt, fertig, weiterscrollen. Mich interessiert das Gegenteil. Nicht die Frage, wie viele Menschen ich kennen kann. Sondern: Wenn Nähe begrenzt ist — wem gebe ich sie eigentlich bewusst?

Was die Dunbar Number wirklich sagt — und woher die 150 kommt

Die Dunbar Number ist eine vom Anthropologen Robin Dunbar Anfang der 90er vorgeschlagene Obergrenze für stabile, bedeutungsvolle Beziehungen — also nicht für Bekannte, sondern für Menschen, mit denen du eine echte soziale Verbindung pflegst. Die berühmte 150 ist dabei eigentlich eine Rundung.

Dunbars Begründung läuft über die Neokortex-Hypothese, manchmal auch Social Brain Hypothesis genannt. Bei Primaten korreliert die relative Größe des Neokortex — der Hirnregion, die soziale Information verarbeitet — mit der typischen Gruppengröße. Mehr soziale Rechenkapazität, größere Gruppe. Dunbar hat diese Linie aus den Affen-Daten auf den Menschen hochgerechnet.

Was dabei rauskam, war ein vorhergesagter Mittelwert von 148. Casual gerundet: 150. Was in fast allen Artikeln untergeht: Das Ganze hatte ein breites Konfidenzintervall, irgendwo zwischen rund 100 und 230. Die 150 ist also nie eine scharfe Konstante gewesen, sondern eine Größenordnung. Ich finde das wichtig, weil sich an dieser Stelle die seriöse von der pseudo-präzisen Lesart trennt.

Die Schichten: rund 5, 15, 50, 150 — und die dreifache Skalierung

Spannender als die eine Zahl finde ich die Struktur dahinter. Die Dunbar-Zahl ist nämlich nicht ein einziger Kreis, sondern ein Satz ineinander verschachtelter Schichten. Jede Schicht umschließt die innere und ist grob dreimal so groß wie die direkt darunterliegende.

Ganz innen sitzt die Support Clique, etwa fünf Menschen — die, die du nachts um drei anrufen würdest. Dann die Sympathy Group mit rund 15, enge Freunde. Darum die Affinity Group mit etwa 50, gute Bekannte. Und außen das Active Network mit ungefähr 150, der ganze Kreis bedeutungsvoller Beziehungen. Jenseits davon geht es weiter: rund 500 Bekannte und etwa 1500 Menschen, deren Namen oder Gesichter du noch zuordnen kannst.

Das Entscheidende ist nicht nur, dass jede Schicht größer wird. Mit jeder Schicht nach außen sinkt auch die Kontaktfrequenz, die nötig ist, um die Verbindung am Leben zu halten.

SchichtGrobe GrößeWer das istTypische Kontaktfrequenz
Support Clique~5engste Vertrauteetwa wöchentlich
Sympathy Group~15enge Freundeetwa monatlich
Affinity Group~50gute Bekannteetwa halbjährlich
Active Network~150bedeutungsvolle Beziehungenetwa jährlich

Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, hat mich vor allem die letzte Spalte getroffen. Nicht alle Menschen brauchen gleich viel. Und genau das hatte ich vorher nie unterschieden.

Ehrlich bleiben: warum die Zahlen umstritten sind

Hier kommt der Teil, den fast alle deutschen Artikel weglassen. Die Dunbar-Zahl ist nicht in Stein gemeißelt. 2021 haben Forscher um Patrik Lindenfors in einer Arbeit für die Royal Society die These auseinandergenommen. Mit anderen statistischen Methoden kamen sie auf völlig andere Werte — eine Schätzung lag bei rund 69 bis 109, eine andere bei 16 bis 42, jeweils mit so riesigen Unsicherheitsspannen, dass ihr Fazit war: Eine einzelne magische Zahl lässt sich kaum seriös begründen.

Dunbar hat zurückgeschossen, unter anderem mit dem Argument, die Kritiker hätten die falsche Regressionsmethodik benutzt und die Berechnung müsse auf Menschenaffen-Daten beruhen, nicht auf allen Primaten. Wer recht hat, kann ich nicht entscheiden. Ich bin kein Statistiker.

Was ich aber sagen kann: Die Schichtung — wenige ganz nah, mehr weiter draußen, jede Stufe lockerer — ist robuster als die exakte Zahl. Ob die Obergrenze bei 150, bei 90 oder bei 200 liegt, ändert nichts am eigentlichen Muster. Ich behandle die 150 deshalb als Größenordnung, nicht als Naturgesetz. Scheinpräzision hilft hier niemandem.

Nähe ist eine begrenzte Ressource — das ist der eigentliche Punkt

Egal, ob die richtige Dunbar Zahl nun 150 oder 90 ist: Die Aussage dahinter bleibt dieselbe. Nähe kostet etwas. Zeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Dunbar hat das ziemlich drastisch illustriert — eine Gruppe von 150 müsste, rein über soziale Pflege betrachtet, einen riesigen Anteil ihrer Zeit allein in das Aufrechterhalten der Bindungen stecken. Beziehungen sind teuer, und das Budget ist endlich.

Wer in alle 150 gleich viel investiert, investiert in Wahrheit in niemanden richtig. Das war meine Gießkanne. Ich war überall freundlich erreichbar und nirgends wirklich da.

Bei mir hat ausgerechnet das Training den Groschen fallen lassen. Ich trainiere nach dem Prinzip der hohen Frequenz, und da lernst du schnell, dass Erholung eine begrenzte Ressource ist. Du kannst nicht jeden Muskel jeden Tag voll belasten und erwarten, dass alles gleichzeitig regeneriert — irgendwann regeneriert gar nichts mehr richtig. Mit sozialer Energie ist es genau gleich. Es gibt eine begrenzte Erholungskapazität für Nähe, und wer sie auf zu viele verteilt, hat am Ende für keinen mehr genug.

Das ist auch der Punkt, an dem sich Beziehungen und Werte berühren. Bewusst auswählen, wem ich Nähe gebe, hat viel damit zu tun, Grenzen zu setzen — also Nähe nicht als unendlich teilbar zu behandeln, sondern als etwas, das ich schützen muss, wenn es etwas wert sein soll.

Was die Dunbar Number für deine Beziehungen praktisch bedeutet

Hier wird aus der Theorie etwas, mit dem du tatsächlich was anfangen kannst. Wenn Nähe begrenzt ist, dann ist die wichtigste Frage nicht wie viele, sondern wer. Statt das Netzwerk flach und groß zu halten, geht es darum, die Pflegekosten bewusst zu verteilen.

Ein paar Fragen, die ich mir seitdem stelle: Wer ist wirklich in meiner inneren Schicht — nicht gefühlt, sondern gemessen an der Zeit, die ich gebe? Wen behandle ich, als säße er ganz innen, obwohl er real eher außen ist? Und umgekehrt: Wer ist mir näher, als unsere tatsächliche Kontaktfrequenz vermuten lässt?

Als ich meine Leute zum ersten Mal ehrlich in solche Schichten sortiert habe, war ich überrascht, wie oft gefühlte Nähe und echte Kontaktfrequenz auseinanderfielen. Ein paar Menschen, die ich für eng hielt, sah oder hörte ich faktisch einmal im Jahr. Das war unbequem. Aber es war ehrlicher als die Geschichte, die ich mir vorher erzählt hatte.

Daraus folgt für mich nicht, lose Kontakte abzuschneiden. Es folgt eher die Erlaubnis, nicht jeden gleich intensiv pflegen zu müssen. Das soziale Netzwerk lebt ohnehin von den richtigen Routinen — wie man es bewusst statt zufällig am Leben hält, habe ich im Artikel über das soziale Netzwerk pflegen beschrieben.

Schichten sichtbar machen: das Orbit-Modell der Relationship Map

Das Problem an den Dunbar-Schichten ist, dass sie abstrakt bleiben, solange sie nur im Kopf existieren. Fünf, fünfzehn, fünfzig — das sind Zahlen. Deine Menschen sind keine Zahlen. Und genau hier wurde es für mich konkret.

Die Schichten lassen sich nämlich übersetzen. Aus den Kreisen 5/15/50/150 werden konzentrische Orbits: näher = weiter innen, lockerer = weiter außen. Plötzlich ist nicht mehr abstrakt, wer in welcher Schicht sitzt — du siehst es. Genau dafür habe ich die Relationship Map in FMYS gebaut. Nicht, weil ich ein Tool brauchte, das mir sagt, ich hätte zu viele Kontakte. Sondern weil ich selbst sehen wollte, wo meine Energie wirklich hinfließt und ob meine gefühlte Nähe und meine tatsächliche Kontaktfrequenz überhaupt zusammenpassen.

Wenn du deine Beziehungen visualisieren willst, ist dieses Orbit-Modell ein ziemlich direkter Weg, die Dunbar-Idee aus der Theorie in deinen Alltag zu holen. Es macht das Unsichtbare sichtbar — und Sichtbarkeit ist die Voraussetzung dafür, überhaupt bewusst zu entscheiden.

Was ich daraus gemacht habe

Ich bin damit nicht fertig. Ich rufe nicht jede Woche meine fünf wichtigsten Menschen pflichtbewusst an, und mein Active Network ist sicher nicht sauber kuratiert. Aber eine Sache hat sich verschoben: Ich verwechsle Quantität nicht mehr mit Verbindung.

Die Dunbar Number ist für mich am Ende keine Begrenzung, gegen die ich anrenne, sondern eher eine Erlaubnis. Die Erlaubnis, nicht überall sein zu müssen. Seneca hat sinngemäß mal gesagt, wer überall ist, ist nirgends — sich auf wenige, tiefe Verbindungen zu konzentrieren statt sich auf viele zu verteilen. Ich verstehe das heute nicht als Verzicht, sondern als Fokus. Die 150 Kontakte im Handy waren nie das Problem. Das schlechte Gewissen, ihnen allen gleich nahe sein zu wollen, schon.

Wenn Nähe wirklich begrenzt ist, dann hilft es, sie nicht nur zu fühlen, sondern zu sehen — wer innen sitzt, wer außen, und ob das mit dem zusammenpasst, was mir wichtig ist. Genau an diesem Punkt fängt für mich die ehrliche Arbeit an deinen Beziehungen erst an.

Jerg Bengel

Gründer von FMYS — For My Younger Self. Schreibt über Training, Gewohnheiten, Philosophie und mentale Stärke. Jedes Tool und jede Methode hier ist selbst im Einsatz, nichts aus dem Lehrbuch übernommen.

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